8. März - 7. April 2007Andreas Grahl & Fabian Reimann: Frau Hölle>> Bilder der Ausstellung
Zur Eröffnung der Ausstellung "Frau Hölle" laden wir sie und ihre Freunde herzlich ein. Der Dramaturg und Autor Johannes Ottmar wird zur Einführung sprechen und aus seinem Repertoire Prosatexte lesen. (Mutter erzählt)
Auch wenn das Datum der Eröffnung auf den Internationalen Frauentag hinzuweisen und somit die Titelwahl der Ausstellung um eine Dimension erweitert erscheint, hat das eine mit dem anderen nur bedingt zu tun.
Es sind vielleicht die Realitäten und Verwerfungen der konsumistischen Gesellschaft, die sich in den Arbeiten beider Künstler wiederfinden lassen.
Dass z.B. die weiterhin unerfüllten Ziele des Internationalen Frauentags vom Schwell des Merci-Schokolade-umsatzstarken Muttertag und seiner Rührseligkeit überspült werden.
Alles scheint seinen Weg zu gehen und zeitgleich erscheinen die Zeiten unsicherer als je zuvor. Die Trennung dessen, was individuell und was global betrifft und eben derartige Konsequenzen fordert, wird stoisch aufrechterhalten.
Gleichzeitig schwingt sich ein vorgebliches Effizienz- und Qualitätsbewußtsein von Ast zu Ast in mittlerweile schwindelerregenden Höhen. Nach unten schauen, Zögern oder gar das Experiment der Zufälligkeit (ansich dem evolutionären Modell entsprechend) eine gewisse Entscheidungsmacht zukommen zu lassen werden der Unprofessionalität zugesprochen und als Worst Case unserer Welt gilt die gebrochene Zeitleiste im Project Management Tool der Unternehmensplaner - und dabei liegen längst zu viele Aufgaben auf dem roten Faden.
Denn Fehler zwängen zur Konsequenz einer Änderung des Kalküls. Den Technokraten packt das Ohrensausen und lässt ihm das Unterlid unkontrolliert zucken.
Augen auf! Die System-, Montage- und sogar der profane Rechtschreibfehler kann mehr als nur Irritation und Qualitätsproblem verkörpern.
Der Fehler als Chance ..
Andreas Grahl, "Bellevue", Galerie Eigen+Art Leipzig
Der Leipziger Bildhauer Andreas Grahl (*1964) beschäftigt sich seit jeher mit dem Fehler im System.
Seine Arbeiten wirken beim Betrachter durch die Koexistenz von Verstörung und Begeisterung.
So zerschlug er bei Galerieausstellungen und auch nach dem Erhalt eines Kunstpreises der Dresdner Bank deren Scheiben, um in den auf Durchzug gestellten Räumen aus den gewonnen Scherben seine Objekte entstehen zu lassen.
o.T. (Küken) Polyester, 200 x 350 x 150
Grahl beweist mit seinen Arbeiten großartigen Spielwitz. Auch wenn diese Eigenschaft doch eher im Sportkommentar von professionellen Fußballspielern verlangt wird, liegt das zusammengesetzte Wort recht nahe, wenn man sich die entstandenen Skulpturen der letzten Jahre anschaut.
Die Konsistenz von spielerischen Elementen und pointierter Exposition seiner bildhauerischen Arbeit beweisen die in Großmaßstäben gefertigten an Überraschungseifiguren angelehnten Skulpturen, bei denen er durch Neukombination und Fehlstellung der Einzelteile bewusst Montagefehler erzeugt und die entstandene 'Missbildung' auf den Sockel hebt.
Auch wenn man den Arbeiten von Fabian Reimann (*1975) den Humor nicht absprechen kann, bleibt auch im Vordergrund, d.h. in der Präsentationsebene ernster. Der derzeitige Schüler von Heimo Zobernig, nutzt die formale Reduktion um Thematiken die gesellschaftspolitisch und historisch ein besonderes Konfrontationspotenzial in sich tragen. Es geht Reimann augenscheinlich um Fragestellungen zum Umgang mit Konfliktsituationen und deren Lösungsoptionen, Blockbildungsstrategien bishin zu ästhetischen Problemstellungen wie militaristisch durchwebt sich Kultur und Gesellschaft schon durch verwendete Zeichen- und Bildsprache zeigen und führt diese, nennen wir es lapidar Kriegsästhetik, ins Absurde.
1964 in Berlin geboren
1982 Abitur / Hilfsschlosser bei Bergmann Borsig
1985-88 Fotografenlehre
1989 Bildreporter, mehrmonatige Reisen nach Südafrika, Kuba, Türkei, Madagaskar, Rumänien und Kenia
1992-99 HGB Leipzig, Fachbereich Fotografie
1994-95 Einjähriges Studium am Chelsea College London, »Diplom Bildender Künstler« mit Auszeichnung, Fachklasse Prof. Astrid Klein
1999 Aufbaustudium bei Prof. Astrid Klein
2000 dreimonatiger Arbeitsaufenthalt in Havanna, Kuba2001 sechsmonatiger Aufenthalt in USA
2004 einjähriges Studium am ISA in Havanna, Kuba
"Q", Bronze 16-teilig
Förderungen:
1997 2. Preis für R. Haze »Visuelle Zeitenwende« Körber Stiftung
1999 Projektförderung »Der Schrank von R.Haze« Kunstfonds Bonn
Ars Lipsiensis Kunstpreis, Leipzig
Amerika-Reisestipendium des Kunstfonds Sachsen
Meisterschülerstipendium
2001 DAAD Auslands-Jahresstipendium
Ausstellungen/Projekte (Auswahl)
2006
Junkfood, Galerie Emmanuel Post, Leipzig
A3, Amerika, Berlin / Neandertaler, Ritter-Zamel Gallery, London
2005
Anderthalb, JET, Berlin
Fein Raus, mit Michael Schäfer, AMERIKA, Berlin
Küken, Galerie Hobbyshop, Mäünchen
2004 Leipziger Jahresausstellung Skulptur und Malerei, Leipzig
2003 Laokoon, Skulpturenausstellung, Junge Kunst Wolfsburg
2002
Volks Sturm Boutique, Installation mit Bertram Haude, Laden für Nichts, Leipzig
Ovejitas, Installation mit Holmer Feldmann, Schwanenteich Leipzig
2001
It takes two to tango Ramon Haze, Shed-Halle Zürich
Barock Skulptur, Kunstverein Leipzig
2000
Pier One Installation, Dresdner Bank, Leipzig
8. Gebot, Skulptur, Peterskirche Chemnitz
1999
Bellevue, Installation, Galerie Eigen+Art, Leipzig
Der Schrank Buch, Spector Verlag u. Kunstfonds Bonn
1998 Glashammer, Skulptur, Work Art, Galerie der Stadt Stuttgart
1997
Zuckerofen, Installation, Leipzig
Forschungsstation Ramon Haze Hybrid Work Space, X Documenta Kassel
Andreas Grahl, diverse Arbeiten, Fotos: Courtesy Amerika Berlin
Fabian Reimann - Vita
1975 geboren in Bremerhaven, lebt und arbeitet in Leipzig
1993 Gründung des »Bunte Raben Verlags« / Herausgeber der Zeitschrift »Krachkultur«
1996-2001 Studium der Kultur- und Kunstwissenschaften und Germanistik an der Universität Bremen (MA)
1996-2001 assistant curator am Neuen Museum Weserburg Bremen
2001-03 Studium Grafik Design-Buchkunst an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig
2003-07 Studium der Bildenden Kunst bei Prof. Astrid Klein an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig
2005 Studium an der Akademie der Bildenden Künste Wien in der Klasse Heimo Zobernig
2007 Dpliom bei Astrid Klein
Stipendien und Preise
2002 Kunstförderpreis der Firma tetra-pack
Fabian Reimann, diverse Arbeiten, Detailinformationen bei Klick auf die Abbildungen Fotos: Courtesy Amerika Berlin
Ausstellungen/Projekte (Auswahl)
2006
Reissbrettromantik, plattform, Berlin
bitten. danken. fluchen. grüßen. Beten. Brunnenstr. 3, Pariserstr. 4, Berlin
Goldene Ruinen, AMERIKA, Berlin
2005
A2, Amerika, Berlin
Die Tücke des Objekts, Kunstfrühling
Bremen, Galerie Gruppe Grün, Bremen
Möbel Horizon, Moderne Lebenswelten
last night on earth, Spinnerei Leipzig
Grüß Gott, Akademie der Bildenden Künste Wien
2004
stars‘n‘stripes, HGB Leipzig
2003
Your Present is My Perfect, Kunstverein Leipzig
2002
Paradies, Halle (Kat.)
geöffnet:
Mi-Sa 15-19 Uhr, Do bis 23 Uhr, sowie gern nach Vereinbarung (0163 26 37 333)
Eröffnung: Donnerstag, 8. März 2007, ab 19 Uhr
Bilder der Ausstellung (Fotos: Anton C. Kunze)
KRUPKE Fabian Reimann, Installationssansichten
o.T. (Küken) Andreas Grahl, Installationssansichten
Bilder der Eröffnung (Fotos: 4000 und Dirk Ewald)
Mutter erzählt
von Johannes Ottmar
Es war im Urlaub. Wir sind zusammen hinaus geschwommen. Er war der erste, der den kleinen Felsen erreichte, der einige hundert Meter vom Strand entfernt aus dem Meer ragte. Im Nu stand er oben. Die gestrickte Badehose, die er sich an einer Strandbude gekauft hatte, beulte vorne auf groteske Weise aus. Das mit der Badehose war eine perverse Idee von ihm, um mich, wie er sagte, "anzumachen". Unsere Ehe war längst gescheitert. Als ich ihn dort stehen sah, triumphierend, harmlos, unschuldig, kam es mir vor, als ob er sich freute. Er war ein Kind, böse, wie Kinder manchmal sein können, hemmungslos Egoist.
Ich neigte zum Philosphieren, wenn ich Probleme hatte. Ich dachte mir Fragen aus, deren Beantwortung meine eigene Sache war. Dabei ließ ich mir von niemandem reinreden. Fragen erwiesen sich als eine Spezialität von mir. Meine Stimme schraubte sich am Ende eines Satzes wie von selbst empor. Konnte oben unten sein? War die Frage dumm, naiv? Machte ich mich verdächtig? Wurde ich lästig? Na wenn schon. Ich brachte alles mit, was man zum Philosphieren brauchte. Nicht nur Verstand.
Das Seufzen kommt von alleine, entringt sich meiner Brust, muss da rauskommen und aufsteigen. Ich spreche von den nicht enden wollenden Zeiten der Melancholie. Sie war unser Schatten, der wochen-, monate- und jahrelang zu Besuch blieb. Sie gehörte zur Familie, eine tägliche Begleiterin im Schlaf- und Wohnbereich, bei Ausflügen, beim Einkaufen, Eis-Essen und dergleichen. Fernsehen, Kino.
Ich starrte und starrte, in einen Abgrund, aus dem ich heraus gekrochen war, ich schwankte zwischen den Zeiten, das eine wie das andere, früher oder später. Mein Gesicht hatte etwas Maskenhaftes, die Haut glänzte wie Kunststoff. Ich war gelähmt. Schaufensterpuppe, Kleiderbügel, Zombie, vor dem Spiegelschrank.
Das Leben lief in Film-Trailern ab. Unsere gemeinsamen Szenen zogen mich in Bann. Die Höhepunkte soweit. Grell zeichnete sich das Erlebte ab. Ich stand mit den Beinen im Himmel und sah mir den Abgrund vom Boden aus an. Ich hatte das Abzappeln satt.
Woher schlüpften wir, wenn wir nicht kamen oder gingen, sondern schlüpften? Wohin schlüpften wir? War das Leben eine Packung, die halb aufgebraucht war? Ich griff mit der Hand in eine Tüte, und fischte mir eine Hand voll gemischter Happen heraus, den ich zu meinem Mund führte, in dem er sicher landen sollte. Doch bevor es soweit kommen konnte, schnellte eine Hand aus dem Nichts hervor, und riss mir die Bissen unter der Nase weg. Er machte ein Raubtiergesicht. Ich war die Gekniffene.
Er kam irgendwo rein, als würde er mit offenen Armen ausrufen "Freunde!" "Was kann ich für euch tun?", "Was könnt ihr für mich tun?". Ohne Worte. Offenbar versessen auf regen Austausch, auf Geben und Nehmen. Ein großer Vogel in einem Mantel, dessen Innentaschen die Einladung enthielten, in ihnen zu verschwinden.
Ein Erstbester hat es gutgemeint, losgelegt mit seiner Wärme, und war dabei, ein Ding mit einem anderen Erstbesten auszubrüten. Beide zusammen von Natur her für einander bestimmt, damit es Leben geben konnte. Das unerschütterliche Selbstverständnis des Ausbrüters und die Passivität des Eis. Es war so einfach. Die Rechnung schien aufzugehen.
Womit er mich beworfen hat: Bälle, Schnee, Reis, Getränke, Sand, Blumen, Hausschuhe, Steine...
Womit ich ihn beworfen habe: Bälle, Schnee, Reis, Getränke, Sand, Bücher, Erde, Hausschuhe, Steine...
Wir telefonierten viel am Anfang. Es war schön. Ich wurde zu einer runden Sache, wenn ich es noch nicht gewesen war, mit einem Ohr am Hörer. Ich krümmte mich. Wir lachten über unser angebliches Verkalktsein, sprachen durch Wände. Im Licht unserer Stimmen, das gute und das schlechte Wetter, alles von Interesse wurde gestreift. Auch was wirklich wichtig war, weil wir mehr von uns wissen wollten. Uns wuchsen Schnäbel zum Picken und Hacken, Krallen zum Scharren. Ich dachte, wir könnten, eines Tages, praktisch frei wie Vögel sein.
Mit den Jahren gewöhnten wir uns an die Streitereien. Ich wurde immer idealistischer. Es war wie eine Sucht, ein Reflex, den ich nicht zu beherrschen wusste. Ich war für die Kinder da. Sie waren ein guter Grund, mich selbst nicht so wichtig zu nehmen. Ich habe mich gerne aufgeopfert, es geradezu genossen von Zeit zu Zeit, das gebe ich zu. Sicher, die Schuldgefühle machen mir zu schaffen. Doch ich sage mir, wir sollten nicht nachtragend sein und das Gute sehen. Das geht schon in Ordnung, wenn ihr für mich eine Parade der Aufmerksamkeiten arrangiert, zeigt, dass ihr mich begriffen habt. Etwas an mir. Es stimmt: Ich habe mich mit eurem Vater nicht verstanden.
hafen+rand / galerie auf st. pauli
am 8. März 2007 (Internationaler Frauentag)
Ausstellungseröffnung "Frau Hölle" -
Andreas Grahl und Fabian Reimann