8. - 26. Juni 2006André Wnendt: Aurenexpressionismus scheitert schön» DokuBilder André Wnendt "o.T.(#2)", 240 x 360 cm (Detail ca. 20 x 30 cm), Kugelschreiber/Folie/Papier
Anton C. Kunze zur Ausstellung von André Wnendt
Kritiker und Kritisierte könnten sich das Leben sehr erleichtern, wenn sie es bloß wie bei den Landkarten hielten. Am Rande einer Landkarte findet man einen Maßstab, l: 50 000, l: 200 000. Warum nicht am Rande einer Ausstellungseröffnungsrede? Die zum Zirkus gehörenden Kritiker hätten doch erst den richtigen Spielraum, wenn sie über, sagen wir, André Wnendt, entweder sagen könnten: "Ein bisher noch nie dagewesenes Monument des tragisch-dämonischen Ringens um die absolute Genauigkeit künstlerischer Meisterschaft", und dazu am Rand: "Diese Kritik ist zu lesen nach dem Maßstab l: 500 000" - oder: "Wacker geklöppelt, Wnendt, eins glatt, eins verkehrt wie bei Großmuttern, das gibt ein hübsches Deckchen ab", und dazu: "Maßstab 1:10" - oder schließlich: "Diese Zeichnungen einfach als Bockmist zu bezeichnen, geht nicht an, sie lassen sich immerhin so redlich und spannend analysieren, wie ein Kleinkunst Pollock " - und dazu: "Maßstab 1:1".
Mit derartigen Maßstäben wüsste man doch, woran man ist. Wer ein Künstler werden soll, wird es trotzdem.
André Wnendt "o.T."(beide), Thermodruck/Folie/Papier, 2006
Eine Zeichnung erscheint jedermann als einfachste vordergründig simple Behauptung. Es ist die technisch einfachste, und damit wohl ein für alle mal die unmittelbarste Äußerung der bildenden Kunst, die bekannt ist.
Zeichnungen sind Chiffren gesehener oder gedachter Gegebenheiten. Schön sind sie, weil sie die fettige Opulenz einer Öl-Haxenbraterei nicht benötigen. Es geht um das Weglassen alles Überflüssigen und zwar im technischen wie im sublimiert intellektuellen Vermögen.
Zeichner wollen eigentlich keine Blender sein. Aber hier haben wir den Salat - denn auf diesen Zeichnungen sieht man deutlich: es lässt sich nichts weglassen. Aber eben auch nicht alles abbilden, weshalb man dann anfängt a) zu behaupten man hätte alles abgebildet und b) sich selbst glaubend, dann vollkommen den Überblick verliert.
André Wnendt "o.T."(beide), Thermodruck/Folie/Papier, 2006
Kunst ist ein Spiel mit dem Chaos und wenn es überhaupt einen Fortschritt auf dem Gebiet der Kunst gibt, so besteht er darin, dem Chaos immer weitere Gebiete abzuringen. Das fällt bei einer unendlichen Kubikmeterzahl Chaos für das Chaos nicht schmerzhaft ins Gewicht, wohl wirkt es aber beruhigend auf die Menschen, die angesichts so einer Arbeit wie dieser ganz sicher sein können, dass hier das Chaos ins Bild gebannt wurde, wobei sich der Künstler als exorzistisches Medium zur Verfügung stellte. Denn er hat das Chaos durch sich durch und dann hinaus auf einen belastbareren Träger getrieben. Eine anstrengende Sache. Was unsterblich in der Kunst soll leben, muss im Leben platt gewalzt werden. Eine ganz normale Unwahrscheinlichkeit.
Wie transferiert man die Eindrücke von uns umgebenden und durchdringenden Chaos, was gewisse Leute, mit klassizistischem Charakter - und André Wnendt liebäugelt mit ihnen - vornehm und mit gespitztem Mund Kosmos nennen mögen? Wie kriegt man dieses Durcheinander durch den Kopf aufs Papier ohne rasend zu werden und an Überforderung zu leiden? Zirkeltraining!
Zirkeltraining hilft, und man glaube bitte nicht, dass man damit fertig wird - deshalb heißt es ja Zirkeltraining. Erste Übung also Antiromantik!
Mit dem Abhaken des didaktischen Kunstzirkeltrainings, bei extremer Unübersichtlichkeit, erklärt sich auch gleich der Titel der Ausstellung, in welchem sich die Paradoxien gleich mehrfach kreuzen.
Expressionismus ist antiromantisch, bei Aufkommen dieser Kunstsparte galt es dem selbstgefälligen und ästhetizistischen Impressionismus unbedingt zu entgehen.
Das gilt heute noch im selben Maße. Daraus folgt die zweite Übung: Der systematische erbitterte Kampf gegen die konventionellen Ausdrucksmittel.
Die konsequente Durchführung und der Abschied von allen bekannten und durchstudierten Ausdrucksmitteln wäre allerdings: das Gar-nichts-mehr-produzieren.
Das will man aber dann doch nicht. Es wäre erstens schade, denn man könnte sich nichts anschauen. Und zweitens bedeutete es einen geistigen Selbstmord dessen, der so radikal sein wollte.
Das heißt, dass sich der Expressionismus, als gut sichtbares Genre, von vorn herein das Scheitern verordnet, da man ja um die konsequente Lösung weiß, es sich aber nicht verkneifen kann, doch etwas zu zeigen.
Expressionisten zeigen wie Form vollendet sie die Mittel beherrschen, gegen die sie revoltieren.
Dem Expressionismus sind also bereits Paradoxa eigen, welche die beteiligten Künstler zu Höchstleistungen treiben. Gekrönt von einem Raum-Zeit-Begriff, der einen Ausdruck für die Gleichzeitigkeit von allen möglichen Bewusstseinsinhalten fordert.
Gedanken, Bilder, Einfälle, Erinnerungen stehen abrupt und unvermittelt nebeneinander. Auf ihre Herkunft wird keine Rücksicht genommen. Betont wird nur die Gleichzeitigkeit. Würde dies Musik sein, wäre es ein sorgfältig beschriftetes Mixtape - eine typische Blüte früher Pubertätschaosexpressionisten.
Auch in späteren Jahren, dass muss man sich gerechterweise eingestehen, ist der ewige Gierlappen in einem, nicht zu tränken. Der optimal angepeilte Zustand wunschlosen Glücks ist mindestens genauso absurd unerreichbar, wie die Begehrlichkeiten der Expressionisten. Man muss sich nun fragen, ob die Bemühungen darum überhaupt irgendeinen Effekt haben.
André Wnendt "o.T."(beide), Thermodruck/Folie/Papier, 2006
Man merkt, es geht hier mal wieder um alles. Um alles und sonst nichts.
Deshalb heißt diese Ausstellung "Aurenexpressionismus scheitert schön". Denn nun muss man zusätzlich zur widersprüchlichen Gleichzeitigkeitsverknäulung des Expressionismus auch noch die Dinge einbeziehen die nicht abbildbar sind, weil sie noch keiner gesehen hat, von denen aber jeder schon mal erfasst wurde - nämlich die Dinge, die nicht gleichzeitig, sondern jetzt und ewig sind - die Auren.
Walter Benjamin definiert das Phänomen der Aura als seltsames Gespinst aus Zeit und Raum. Etwas oder jemanden mit einer Aura zu belehnen, bedeutet für das Ding - bei Menschen ist es angeboren - die Fähigkeit den Blick aufzuschlagen. Auratische Dinge blicken einen an. Das Irritierende ist, sie haben keine Augen, oder wie es Rilke zu einer kopflosen aber doch sehenden Apollo Statue dichtete:
Archaischer Torso Apollos
Wir kannten nicht sein unerhörtes Haupt,
darin die Augenäpfel reiften. Aber
sein Torso glüht noch wie ein Kandelaber,
in dem sein Schauen, nur zurückgeschraubt,
sich hält und glänzt. Sonst könnte nicht der Bug
der Brust dich blenden, und im leisen Drehen
der Lenden könnte nicht ein Lächeln gehen
zu jener Mitte, die die Zeugung trug.
Sonst stünde dieser Stein entstellt und kurz
unter der Schultern durchsichtigem Sturz
und flimmerte nicht so wie Raubtierfelle;
und bräche nicht aus allen seinen Rändern
aus wie ein Stern: denn da ist keine Stelle,
die dich nicht sieht. Du mußt dein Leben ändern.
(Rainer Maria Rilke)
André Wnendt "o.T."(beide), Thermodruck/Folie/Papier, 2006
Diese Auren und dieser Expressionismus sind so etwas wie eine wechselseitige dithyrambische Hagelschadenversicherung.
Es geht um nichts geringeres, als das Wünschen bei gleichzeitiger Gestaltungswut. Auren produzieren phantasmatische Trostkonstruktionen: es ist nichts zu sehen, um alles zu glauben, während der Expressionist ewig getrieben von seiner exorzierenden Funktion das ganze Bauholz des Lebens in Gedankensplitter hackt.
In Betrachtung dieser Zeichnungen sagt Wnendt selbst: "Ich erkenne, dass ich nichts erkenne."
Seid realistisch- verlangt das Unmögliche!
Bilder zu André Wnendt (Anton C. Kunze):
André Wnendt, zwei Installationsansichten: Wandarbeit und Leuchtkasten mit Schmetterling, Thermodruck/Folie/Papier, 2006
André Wnendt, beide o.T, 98 x 60 cm, Thermodruck/Folie/Papier, 2006
André Wnendt, o.T, 30 x 21 cm, Kugelschreiber/Folie/Papier, 2006
André Wnendts Arbeiten sind vom 9. bis 26. Juni in der Galerie Hafen+Rand, Friedrichstraße 28 auf St.Pauli zu besichtigen.
Kurzvita
- 1973 in Hamburg geboren
- Studium der Freien Kunst an der HfBK Hamburg bei Prof. J. Blume
- 2001 Diplom Freie Kunst
André Wnendt lebt und arbeitet in Hamburg.
hafen+rand
Galerie auf St.Pauli
Friedrichstraße 28 / Hans-Albers-Platz
20359 Hamburg
geöffnet:
Do-Sa 20-23+ Uhr und Mo 12-20 Uhr, sowie gern nach Vereinbarung (0163 26 37 333)