Die russischen Fotokünstler Marat Burnashev und Igor Kuprin widmen sich in der gemeinsamen Ausstellung recht unterschiedlichen Sujets. Während Burnashev nahezu reportagehaft die Situation deutschstämmiger Spätaussiedler nach Ankunft in Deutschland zum Bildinhalt macht, widmet sich Kuprin den Gassen und Kanälen Venedigs.
Die von Burnashev aufgenommenen Szenen in den auffangunterkünften zeigen ein auf den ersten Blick bewegungsloses Warten im ungewissen Raum einer Unheimat, die Unsicherheiten und ersten Realerfahrungen enttäuschter Erwartungen aus dem alten Leben an das neue Leben sind den Erwachsenen ins Gesicht geschrieben. Burnashev beschäftigte sich mit der Geschichte einzelner Familien und seine Bilder spiegeln diese Erfahrung. Lange Belichtungszeiten sind dem Fotografen behilflich, die Aussicht erfüllter Hoffnungen von den vielleicht schon besiegelten Enttäuschungen zu trennen. Das Kind auf der Schaukel, das Mädchen im Kreis zweier vorangegangener Generationen, der Junge auf dem Dreirad - ihre Lebendigkeit drueckt sich in Unschärfe der Bewegung aus, während des Vaters sorgenvoll gefaltete Stirn klar erkennbar bleibt.
Igor Kuprins Bilder wirken in diesem Zusammenhang metaphorisch. Seine menschenleeren Venedigbilder spielen mit dem Sehnsuchtsmotiv vorbeifahrender Schiffe und Gondeln, die ebenfalls erst durch ihre Bewegungsunschärfe der langen Belichtung eine Dynamik in die Venedigstereotypen unserer postkartenpathetisch, starren Erinnerung bringen.
- Pressetext Anton C. Kunze
Marat Burnashev über seine Arbeit:
In der Serie "Warten und die Zeit davor" habe ich die Situation osteuropäischer Aussiedler in Deutschland zum Thema gemacht.
Um das Schicksal dieser Menschen zu dokumentieren, suchte ich sie in einem Wohnheim auf, in dem sie die Übergangsphase zwischen altem und neuem Leben verbringen und auf eine bessere Zukunft hoffen.
Da ich selbst als Jugendlicher von Rußland nach Deutschland umgesiedelt bin, kann ich auf eine ähnliche Vergangenheit zurückblicken und bin deshalb mit den Problemen und Ängsten, aber auch mit den Erwartungen dieser Menschen vertraut. Diese gemeinsame Geschichte bildete die Basis, auf der sich die Menschen mir bereitwillig öffneten und einen Einblick in ihre Wirklichkeit gestatteten. Diesen Einblick in das Leben der "Fremden", der mir gewährt wurde, möchte ich durch meine Fotoserie auch Außenstehenden ermöglichen. Das Fremde und Unbekannte, das oft Angst macht, kann auf diese Art beleuchtet werden und die sichtbar gewordenen menschlichen Aspekte zu einem besseren Verständnis sowie zur Zusammenführung der Menschen beitragen.
Zur Technik möchte ich anmerken, daß ich eine lange Belichtungszeit wählte, um Bewegung in den Bildern zu erzeugen. Die Zeit des Wartens ist für die Einwanderer nicht still und verharrend, sondern bewegt und voller Unruhe auf der Schwelle zu einem neuen Leben.
Kurzvita:
1979 geboren in Shukowski bei Moskau, Russland
1998-2002 Studium Physik, Universität Heidelberg
2003 Studium Kommunikationsdesign, Hochschule für Angewandte Wissenschaften, Hamburg